Arbeitsstörungen
Grundsätzlich ist bei der Untersuchung von Arbeitsstörungen zu unterscheiden zwischen den Bedingungen, die in der objektiven und sozialen Arbeitsumwelt gegeben sind und den Bedingungen, die in der Person, die dort arbeitet, gegeben sind. Sehr unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen wie die Sozial- und Arbeitswissenschaft, die Arbeitsmedizin, die Ergonomie, die klinische Psychologie - um nur einige zu nennen - untersuchen die Frage, inwieweit bestimmte Bedingungen in der Umwelt oder aber der Person Arbeitsabläufe beeinträchtigen können. Jede Berufstätigkeit fordert ja
in unterschiedlicher Weise die Erfüllung bestimmter
Leistungsanforderungen als auch den berufsspezifischen Umgang mit
Menschen, sei es auf Kollegenebene oder aber in den Kundenbeziehungen.
„Keine Technik der
Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die
Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in
die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein
starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und
selbst erotische, auf die Berufstätigkeit und auf die mit ihr
verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, verleiht ihr einen
Wert, der hinter ihrer Unerlässlichkeit zur Behauptung und
Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Dieses Zitat aus dem Aufsatz
„Das Unbehagen in der Kultur“ beantwortet sehr deutlich, welche
Bedeutung die Arbeit für den Einzelnen in unserer Gesellschaft hat und
haben kann. Unter Arbeit verstehen wir die erlernte und geplante Organisation, Handhabung und Steuerung der inneren und äußeren Umwelt in einem gegebenen soziokulturellen Rahmen, um ein angestrebtes Ziel so wirksam als möglich zu erreichen. Arbeit ist ein differenziertes individuelles und soziales Geschehen mit vielen einzelnen bewussten und unbewussten Elementen, das der Befriedigung realitätsangemessener Bedürfnisse dienen kann, das aber auch sehr störanfällig sein kann. Die psychotherapeutische Behandlung neurotischer Arbeitsstörungen muss von daher komplex und mehrschichtig angelegt sein, wobei die relative Unschärfe des Begriffs neurotische Arbeitsstörung immer eine individuelle Definition der zwischen Patient und Therapeut vereinbarten Therapieziele erfordert. Dabei stellen die Bearbeitung der innerseelischen und der interpersonellen Konflikte, die beide psychodynamisch interpretiert werden, entscheidende Therapieelemente dar. Grundlage für die Therapie neurotischer Arbeitsstörungen sind daneben die zentralen Fragen der Arbeitspsychologie nach den Auftrags- und Erfüllungsbedingungen der jeweiligen Tätigkeit, den unterschiedlichen Dimensionen der Arbeitstätigkeit sowie der eigentlichen individuellen Tätigkeitsanalyse. Ziel dieses verhaltenstherapeutisch und kognitionspsychologisch geleiteten Vorgehens ist die gemeinsame Entwicklung der Erprobung individueller Bewältigungsstrategien. Für die Psychotherapie neurotischer Arbeitsstörungen ist es hilfreich, in einem ersten Schritt persönlichkeitsabhängige Arbeitsstile zu unterscheiden, um zu verstehen, welche neurotischen Konfliktlösungsversuche dem gestörten Arbeitsverhalten zugrunde liegen können, um dann in einem zweiten Schritt zusammen mit dem Patienten günstigere Bewältigungsstrategien entwickeln zu können. Arbeitsstörungen: Der narzisstische Arbeitsstil Der
Arbeitsgegenstand ist
für den narzisstischen Menschen sekundär, es besteht keine echte innere
Bindung, kein echtes Interesse, er dient lediglich als Vehikel zur
Darstellung der eigenen Größe und Allmacht. Von daher hastet der
Narzisst auch nach Abschluss einer Aufgabe sofort zur nächsten, ist auf
ständiger Suche nach neuen „Großtaten“. Arbeitsstörungen: Der schizoide Arbeitsstil Der
Arbeitsgegenstand -
so er sachlich, messbar und in gewisser Weise „objektiv“ ist - gibt
Orientierung in der Welt, ist von daher sehr wichtig, da dem Schizoiden
eine soziale Orientierung nur kaum möglich ist. Er geht lieber mit
seinen Ideen von Realität bzw. abstrakten Themen um, wobei er
kompromisslos und unabhängig von der Meinung anderer sehr hohe Ansprüche
an sich und an andere stellt. Arbeitsstörungen: Der depressive Arbeitsstil Der
Arbeitsgegenstand,
die Aufgabe ist für ihn weniger wichtig als die Arbeitbeziehungen in
Harmonie und Gleichklang, geprägt von Wärme, Nähe und Verständnis. Arbeitsstörungen: Der zwanghafte Arbeitsstil Im Umgang mit dem
Arbeitsgegenstand werden systematische Ordnung, pedantische
Reglementierung und Kontrolle überwertig hervorgehoben. Die Bedeutung
der eigenen Arbeit in einem größeren Zusammenhang wird überbewertet. Aus
der Angst vor den Folgen werden Veränderungen und Wandel blockiert. Aus
der Unsicherheit heraus, einen Fehler zu machen, werden Entscheidungen
hinausgezögert. Arbeitsstörungen: Der hysterische Arbeitsstil Bezogen auf das
Arbeitsverhalten, auf den Umgang mit dem Arbeitsgegenstand heißt
das, dass Neues schnell begeistert, aber dann bald langweilig wird.
Projekte werden nicht durchgehalten, Stellungen und Aufgabenbereiche
werden oft gewechselt. Der hysterische Mensch ist auf der ständigen
Suche nach neuen Ideen, nach Abwechslung, wobei es ihm im Wesentlichen
nur um die effektvolle Darstellung eigener Ergebnisse in der
Öffentlichkeit geht. Dem gegenüber steht die Unfähigkeit, beharrlich
Durststrecken durchzuhalten und Schwierigkeiten zu überwinden, das
überlässt er gerne anderen. Er scheut daher Festlegung, Bindung und
Verantwortung. Die vorgestellten Arbeitsstile der aufgezeigten Arbeitsstörungen treten bei niemandem in reiner Form auf, sondern in Mischformen. Sie beschreiben auch nicht etwas per se Pathologisches, sie zeigen aber auf, welche Grundkonflikte, die früh im Leben ungelöst geblieben sind, ein gestörtes Arbeitsverhalten oder Arbeitserleben mit determinieren können. Karrierekrisen, die sich in Erschöpfungssyndromen wie Ausbrennen oder Arbeitssucht zeigen können, sind aus psychoanalytischer Sicht umfassend nur zu verstehen, wenn man sich in einem ersten Schritt Klarheit darüber verschafft, welche ungelösten Grundkonflikte das Arbeitsverhalten auf der Ebene des Individuums determinieren. Ziel dieses psychoanalytisch geleiteten Vorgehens bei Arbeitsstörungen ist es, konfliktorientiert mit den Patienten ein Psychogeneseverständnis zu erarbeiten, ihnen deutlich und erfahrbar zu machen, welche unbewussten Motive aktuelle Arbeitskonflikte mitbestimmen oder aber bei der Berufswahl als Eingangsmotivation eine Rolle spielten. Die Berufstätigkeit bietet ja die Möglichkeit, kompensatorisch im Sinne einer Selbstkorrektur das anzustreben, was man sein möchte, bewusste und unbewusste Bedürfnisse auszuleben oder aber bestimmte Belastungen zu vermeiden. Wie bestimmte Persönlichkeitsstrukturen zu bestimmten Tätigkeiten passen, so gibt es auch Berufe und Tätigkeiten, die den arbeitenden Menschen psychisch deformieren können. Neben den in der Person liegenden Variablen der Arbeitsstörungen sind in einem zweiten Schritt die Arbeitsbedingungen zu untersuchen, denn es macht einen großen Unterschied, ob man selbstständig arbeitet oder aber in einem Kleinbetrieb oder aber in einem Großbetrieb angestellt ist. Auch die Tätigkeit als Angestellter im Öffentlichen Dienst oder aber als Beamter bestimmt in charakteristischer Weise die Arbeitsrealität. Leitende, dispositive Tätigkeiten sind von exekutiven Aufgabenanforderungen abzugrenzen. Es macht für das Arbeitserleben auch einen großen Unterschied, ob man mit hohen Idealvorstellungen, die weit über das Geldverdienen hinausgehen, eine Arbeit in einem Tendenzbetrieb wie einer Gewerkschaft, einer Kirche oder ähnlichem aufgenommen hat und im Verlauf der beruflichen Karriere die Diskrepanz zwischen veröffentlichten Arbeitszielen und der erfahrenen Arbeitsrealität verarbeiten muss. Damit ist das zweite Grundkonzept der Psychotherapie von neurotischen Arbeitsstörungen angesprochen, die Lösungsorientierung. In einer gemeinsam mit dem Patienten erarbeiteten Tätigkeitsanalyse geht es um die differenzierte Darstellung der Aufgabenanforderungen, der physischen Anforderungen, der unterschiedlichen positionsabhängigen Rollenanforderungen und den daraus resultierenden zwischenmenschlichen Anforderungen. Ziel dieses lösungsorientierten
Vorgehens bei Arbeitsstörungen ist die Neustrukturierung von
Copingmechanismen im Umgang mit den externen beruflichen Anforderungen,
aber auch dem eigenen Anspruchsniveau. Weiter geht es um die
Erschließung von Befriedigungsquellen außerhalb der beruflichen Sphäre
auf Grundlage der Ressourcen des Patienten in seiner beruflichen und
sozialen Realität. P. Berger
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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